Woha, ich habe gerade mal nachgerechnet. Insgesamt habe ich mittlerweile 10 Sude produziert, davon 7 Berliner Weiße. 5 davon sind abgefüllt, 3 schon etikettiert. Damit habe ich bald die Hälfte des Bieres für die inkubato-Investoren schon gebraut! Das ist sehr erfreulich, das bedeutet, dass absehbar ist, dass ich auch liefern kann.
Zeit, innezuhalten, und mal zu evaluieren, wo ich so stehe. Beginnen wir mit der sensorischen Analyse der bisher hergestellten Weißen. Geschmacklich finde ich sie gut: die Säure ist angenehm, die Brett-Aromen sind deutlich, aber nicht penetrant. Es existiert aber durchaus eine Geschmacksverschiebung zwischen den verschiedenen Suden, insgesamt wird es von Sud zu Sud zwar komplexer, aber auch kantiger. Es bleibt zu sehen, inwiefern das mit der Lagerung runder wird. Aber ich muß wohl mal die Mikrobiologie anschauen, inwiefern da Verunreinigungen etc. aufgetreten sind, und auch mal die Einzelorganismen weiterpropagieren.
Weiterhin fällt auf, dass das Bier in der Flasche zu wenig Schaum produziert. Das ist spannenderweise ein Problem, das nahezu alle Versuche der Rekonstruktion der Berliner Weißen, insbesondere in der amerikanischen Craft-Brewing-Szene, plagt. Interessant ist es deshalb, weil eine “normale”, also bayrische Weiße, mit derselben Malzmischung aus je 50% Weizen- und Gerstenmalz, ja keine Probleme hat, eine prächtige Schaumkrone zu entwickeln. Das Maischverfahren ist ja auch gleich. So aus der Hüfte heraus würde ich das auf den pH-Wert schieben, also behaupten, dass die Säure in der Berliner Weißen da einen negativen Einfluß auf die Schaumstabilität hat.
Alte Berichte über Berliner Weiße sagen aber, dass diese sehr wohl stark geschäumt hat. So waren die typischen Gläser für Weiße immer darauf ausgelegt, viel Platz für Schaum zu bieten, üblicherweise im Verhältnis von 1:1 von Bier zu Schaum. Das gilt sowohl für die vor über 100 Jahren üblichen zylindischen “Klauengläser”, so genannt, weil man diese mit beiden Händen halten mußte, als auch die später üblichen Kelche aus Preßglas.
Des Rätsels Lösung scheint im Malz zu liegen. Malz ist ja Getreide, das man hat ankeimen lassen, um die Enzyme freizusetzen, mit denen später beim Brauen die Stärke in Zucker verwandelt wird, der ja wiederum von der Hefe zu Alkohol und den Milchsäurebakterien zu Säure verarbeitet wird. Die Keimung wird zum richtigen Zeitpunkt durch einen “Darren” genannten Trocknungsprozeß gestoppt. Dieser erfolge früher bei hellen Malzen für Weißbiere durch Lufttrocknung – alte Quellen reden von Luftmalz -, heutzutage aber durch schonendes Rösten. Entscheidend ist hierbei aber der Zeitpunkt, bei dem die Keimung gestoppt wird. Üblicherweise läßt man dazu den Keim so lang werden, wie das Korn selbst das ist. Das dient neben der Bildung der Enzyme auch der “Lösung” des Malzes. Darunter versteht man, dass die Feststoffe des Malzes hinterher gut für die weitere Bierherstellung zugänglich werden. Das ist gut für die Ausbeute, beeinflusst also die Biermenge, die man aus dem Halz herstellen kann, positiv, hat aber ganz offensichtlich auch negativen Einfluß auf die Schaumstabilität.
Die Literatur über Berliner Weiße, könkret das Buch über die obergärigen Biere von Schönfeld aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, berichtet nun aber davon, dass das für die Berliner Weiße verwendete Malz keineswegs bis zu einer Länge des Keimes gleich der Länge des Kornes wurde keimen lassen. Der Keimungsprozess wurde viel eher gestoppt, das Malz kann also nach heutigen Maßstäben nicht als vollständig gelöst betrachtet werden. Das Buch hat da auch noch viel mehr Details, ich muß mich wohl bei Gelegenheit in die Biochemie und Prozesse des Mälzens näher einlesen, um das alles zu verstehen.
Eine Möglichkeit, selbst Malz herzustellen, habe ich aber nun leider nicht. Und alle traditionellen Berliner Mälzereien, ob die in der Bessemerstraße, die in Pankow, oder die in Tempelhof, sind ausnahmslos nicht mehr in Betrieb, und es steht ihnen ein schreckliches Schicksal als Eigentumswohnung bevor. Also was tun? Bei vielen ausländischen Bieren wird sogenannte “Rohfrucht” verwendet, um die Schaumstabilität zu verbessern, also unvermälzte Getreide. Bei Stouts kommt zum Beispiel oft geröstete Gerste oder Hafer zum Einsatz, die Belgier schrecken nicht davor zurück, Corn Flakes einzusetzen. Das Reinheitsgebot hat aber etwas gegen den Einsatz unvermälzter Gerste. Ohne zu tief über den Sinn oder Unsinn dieser Regelung einsteigen zu wollen, muss ich selbiges aber beachten, darf also keine Rohfrucht verwenden.
Aber natürlich ist den existierenden Malzdesignern das Problem bekannt, und es existiert ein Produkt namens “Spitzmalz”. Das ist Malz, das man gerade so hat ausreichend lange ankeimen lassen, damit man es darren und dann guten Gewissens “Malz” nennen kann, das aber von der chemischen Beschaffenheit noch viel eher Rohfrucht ähnelt als einem Malz. Damit ist dem Gesetz genüge getan. Ich werde also für die nächsten Versuche mal gucken, ob man durch einen passenden Aneil von Spitzmalz die Schaumfähigkeit ausreichend verbessern kann.
Und hoffentlich mich weiter an die perfekte Rekonstruktion der Berliner Weißen heranarbeiten!